Lampeão

*4.6.1898 Serra Talhada, Pernambuco † 28.7.1938 Poço Redondo, Sergipe Gebiet: (Nordost)Brasilien

Der als Virgulino Ferreira da Silva in Sertão, einem heute noch elenden nordostbrasilianischen Landstrich, Ende des 19. Jhds. geborene „Lampeão“ wirkt wie kein anderer der unzähligen Räuber bis heute noch tief in das Bewusstsein des brasilianischen Volkes hinein. Sei es durch tradierte Geschichte(n) und Bücher, zahllose Telenovelas und Filme, oder ganz einfach durch Musik – angefangen bei Referenzen im Capoeira bis hin zu Songs von Sepultura, James Last oder Joan Baez.

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Virgulino Ferreira da Silva
Virgulino Ferreira da Silva
aka Lampeão
aka Lampeão
Lampeão setzt sich in den unwegsamen Nordosten Brasiliens ab und versucht praktisch jeden sich nähernden Polizisten abzuschlachten
Lampeão setzt sich in den unwegsamen Nordosten Brasiliens ab und versucht praktisch jeden sich nähernden Polizisten abzuschlachten
Mit Maria Bonita
Mit Maria Bonita
Die große Liebe hielt "ewig"…
Die große Liebe hielt "ewig"…
Brasilianischer Robin Hood
Brasilianischer Robin Hood
Benjamin Abrahão Botto, durfte im Sertão ausgiebig die Cancageiros fotografieren. Flüchtete ursprünglich aus dem Osmanischen Reich, um dem Kriegseinsatz im Ersten Weltkrieg zu entgehen. Wird in Brasilien Sekretär des Armenpriesters Cicero, über den er auch die Banditen rund um Lampeão kennenlernt. Stirbt unter ungeklärten Umständen während "Estado Novo", der klerikalfaschistischen Diktatur unter G. Vargas
Benjamin Abrahão Botto, durfte im Sertão ausgiebig die Cancageiros fotografieren. Flüchtete ursprünglich aus dem Osmanischen Reich, um dem Kriegseinsatz im Ersten Weltkrieg zu entgehen. Wird in Brasilien Sekretär des Armenpriesters Cicero, über den er auch die Banditen rund um Lampeão kennenlernt. Stirbt unter ungeklärten Umständen während "Estado Novo", der klerikalfaschistischen Diktatur unter G. Vargas
Cristino Gomes da Silva Cleto alias Corisco, 1940 erschossener Wegbegleiter Lampeãos
Cristino Gomes da Silva Cleto alias Corisco, 1940 erschossener Wegbegleiter Lampeãos
Können diese Augen töten?
Können diese Augen töten?
Vermutlich nicht, ohne dir vorher Körperteile abgehackt zu haben…
Vermutlich nicht, ohne dir vorher Körperteile abgehackt zu haben…
Cangaceiros waren sowohl Jäger als Gejagte
Cangaceiros waren sowohl Jäger als Gejagte
Cícero Romão Batista, besser bekannt als Padre Cícero, im Bild mit Benjamin Abrahão Botto, war Armenpriester im brasilianischen Nordosten. Wurde wegen Häresie aus der Kirche ausgeschlossen, aber nie exkommuniziert.
Cícero Romão Batista, besser bekannt als Padre Cícero, im Bild mit Benjamin Abrahão Botto, war Armenpriester im brasilianischen Nordosten. Wurde wegen Häresie aus der Kirche ausgeschlossen, aber nie exkommuniziert.
Der Bandit und der Priester
Der Bandit und der Priester
Immer dieser Lampeão!
Immer dieser Lampeão!
"If you have to kill, kill quickly. But for me killing a thousand is just like killing one"
"If you have to kill, kill quickly. But for me killing a thousand is just like killing one"
Olé, Mulher Rendeira, Du bringst mir bei, wie man Spitzen macht, und ich Dir, wie man liebt…
Olé, Mulher Rendeira, Du bringst mir bei, wie man Spitzen macht, und ich Dir, wie man liebt…
Lampeão wird trotz unzähliger Bluttaten von den Unterprivilegierten positiver als die Obrigkeit gesehen
Lampeão wird trotz unzähliger Bluttaten von den Unterprivilegierten positiver als die Obrigkeit gesehen
Immer wieder gut
Immer wieder gut
Lebende Statuen
Lebende Statuen

Olé, Mulher Rendeira

Und die angeblich von Lampeão 1921 selbst getextete Banditenhymne „Mulher Rendeira“ wird genau so wie in den 1920/30ern von den Gesetzlosen heute noch vom Volk gesungen. Hei, Spitzenklöpplerin, hei, ergib Dich, Frau, Du bringst mir bei, wie man Spitzen macht, und ich Dir, wie man liebt ... Der für seine Grausamkeit berühmt-berüchtigte Volksheld gilt trotz einer deftigen Portion an Untaten beim gemeinen Volk als eine Mischung aus Robin Hood und Jesse James. Die (V)Erklärung kommt aus der Tatsache, dass es die sowohl ökonomisch als auch politisch allherrschenden Großgrundbesitzer samt - im wahrsten Sinne des Wortes - „ihrer“ Polizei und Soldateska noch weit brutaler treiben.

Die bösartige Geschichte beginnt anfang der 1920er. Lampeão ist das dritte von neun Kindern der Familie Ferreira. Er besucht nur wenige Monate lang die Schule - was ihm, im Gegensatz zu den meisten Gleichaltrigen, ausreicht, des Lesens und Schreibens kundig zu werden. Seine Lesebrille gilt als weitere „Auffälligkeit“. Er ist erfahren in harter Arbeit in wüstenartiger Vegetation, gilt gemeinhin als „Vaqueiro“, als Cowboy. Die Eltern leben von karger Subsistenzwirtschaft, geraten jedoch in einen fatalen, für Lampeãos Vater schlussendlich letalen, Konflikt mit einem Landbesitzer, der von seiner gesellschaftlichen Position aus die Polizei lenken kann. Der jüngste Sohn der Ferreiras bleibt als nunmehriges „Familienoberhaupt“ auf der Farm, Lampeão und drei seiner Brüder, allesamt nicht gerade konfliktscheue Gesellen, schwören Rache und bringen den Mörder ihres Vaters rasch zur Strecke, wobei sie seine Leiche öffentlichkeitswirksam vierteilen. Die Brüder Ferreira tauchen unter und werden zu „Cangaceiros“, den zumeist aus absoluter Armut zum Banditentum getriebenen Outlaws des Nordostens. Die Sozialstruktur des Sertão ist dermaßen beschaffen, dass dort heute noch von feudalen Strukturen und moderner Sklaverei gesprochen wird.

Lampeão, portugiesisch für (Öl)Lampe, bekommt seinen Spitznamen, weil er sein Gewehr so schnell abfeuern kann, dass der Eindruck entsteht, dass dieses nie zu Brennen aufhört. Innerhalb kürzester Zeit steht er einer Dutzendschaft verwegener Räuber vor, schlussendlich werden es 50 bis 100 sein, die, zu allem bereit, über 15 Jahre lang seinen irrwitzigsten Anordnungen Folge leisten und Polizisten, Paramilitärs und Soldaten von nicht weniger als sieben Bundesstaaten narren und mit Macheten an den Kragen gehen. Sie lassen niemals eigene Tote zurück, um einerseits Identifikationen unmöglich zu machen, aber auch um an deren statt Nachrückende als genau diese auszugeben und somit quasi Unsterblichkeit und Unbesiegbarkeit vorzutäuschen.

Wer dem Bitten um Proviant und andere Gefälligkeiten nicht nachkommt, spürt allzu bald allzu viel Gewalt. Wer zur Kooperation bereit ist, bekommt einen großzügigen Partner, von dem er nicht im Stich gelassen wird – so werden z.B. entwendete Reittiere entweder sofort oder später, jedenfalls aber immer, zu einem Bestpreis bezahlt. Lampeão bricht auch sonst sein Wort kein einziges Mal. In überfallenen Dörfern und Städten werden Sicherheitskräfte erschossen, sofern sie nicht ohnehin rechtzeitig geflüchtet sind oder die Lokalbevölkerung für ihre Integrität bürgt. Die Entbehrung gewohnten Cangaceiros schmeißen anschließend so manch rauschendes Fest - das Leben auf der Flucht ist keine Leichtigkeit, schon gar nicht über so einen langen Zeitraum und in so einer Halbwüste wie der des Sertão. Dass es dabei im Kampf und im Feiern nicht zimperlich zugeht, erklärt sich (fast) von selbst.

Was den Banditen nie ausgeht, ist Bewaffnung und Munition. Was nicht bei Überfällen erbeutet wird, kommt von bestechlichen Polizeipräfekten und lokalen politischen Größen. 1926 schliesst Lampeão sogar einen Pakt mit den Militärs – es gilt die „Coluna Prestes“, eine linksgerichtete Bewegung innerhalb der brasilianischen Streitkräfte, zu zerschlagen. Die Banditen erhalten modernste automatische Gewehre, nur um sich entgegen der Hoffnung der Obrigkeit jedoch komplett aus dem (Rauf)Handel herauszuhalten. Die Coluna Prestes erreicht unversehrt 1927 Bolivien und Peru. Und im Sertão ist bald wieder die Hölle los ...

Die Cangaceiros gelten als formidable Schützen, den zumeist landesunkundigen Polizeikräften sind sie waffentechnisch und logistisch überlegen. In der sich alles abspielenden Wildnis werden Jäger oft selbst zu Gejagten. In einem Schreiben an den Gouverneur des Bundesstaates Alagoas teilt Lampeão diesem mit, dass er sich selbst als alleinigen Herrn des Sertão sehe und in diesem Gebiet keine Polizei mehr dulde. Der Kampf wird von Mal zu Mal (noch) schrecklicher, die Übergriffe, Misshandlungen und Provokationen nehmen unvorstellbare Ausmaße an. So wird die Leiche Lampeãos ältesten Bruders von einer Polizeitruppe wieder ausgegraben, der Kopf abgehackt und zur Abschreckung an den Straßenrand gehängt. Oder es werden Verwundete bei lebendigem Leibe begraben. Und und und ...Tatsächlich fallen im Gesamten an die 1000 Menschen beider Seiten diesem Konflikt zum Opfer, Lampeãos drei Brüder sind allesamt darunter. „If you have to kill, kill quickly. But for me killing a thousand is just like killing one“ wird Lampeão zitiert. Er selbst, einen „corpo fechado“, also einen unverletzbaren Körper erhoffend, behängt sich schwer mit einer Unzahl an Amuletten, und wird sieben Mal verwundet, ehe er schlussendlich als letzter großer freier Bandit des Sertão durch Verrat sein Leben verlieren wird.

Aber zunächst ist da noch die Liebe zu Maria Déia, besser bekannt als Maria Bonita, die Schöne Maria. Sie schließt sich 1929 Lampeão und den Cangaceiros an, 1932 kommt Tochter Expedita zur Welt. Dies hat zur Folge, dass auch weitere Bandenmitglieder Frauen zu sich nehmen (dürfen). Kinder dieser Paare werden abseits der Gruppe großgezogen, entweder bei weit entfernten Verwandten oder bei Priestern. Der bekannteste dieser Priester ist Pater Cicero, ein wegen Häresie aus der Kirche ausgeschlossener, spiritueller Unterstützer der Armen im brasilianischen Nordosten.

Das Ende kommt, wie so oft, durch Verrat. In ihrem Lager nichts ahnend von einer Soldatenkompanie umzingelt, sterben Lampeão, Maria Bonita und neun weitere engste Mitstreiter im Kugelhagel mit den ersten Sonnenstrahlen des 28. Juli 1938. Gerüchten zu Folge soll ihr Essen und Trinken bereits vorher vergiftet worden sein und die ohnehin schon Toten sollen erst danach mit Maschinengewehrkugeln durchsiebt worden sein, um den Soldaten einen heldenhafteren Sieg zu gönnen. Fakt ist jedoch, dass die abgehackten Banditenköpfe in Salzlake eingelegt wochenlang auf eine makabre Tournee von Stadt zu Stadt getragen, anschließend im medizinischen Institut von Salvador da Bahia ausgestellt und erst 1969 auf Drängen der Angehörigen begraben werden.


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